Lyrik oder Prosa?

Wenige Stunden können genügen …

Vielleicht tragen Sie eine Sammlung unveröffentlichter Gedichte mit sich herum und schwanken in Ihrem Urteil, ob diese genial oder lächerlich oder beides sind. Einmal schickte mir jemand gleich mit der ersten Anfrage ein Gedicht, und wir einigten uns zunächst auf eine einzelne Stunde zu 60 €, um über die wenigen Zeilen zu sprechen und herauszufinden, ob sich eine längere gemeinsame Arbeit an einem ganzen Notizbuch voller Poesie für beide Seiten lohnen könnte. Mir gefiel das Gedicht überhaupt nicht, aber ich hatte darin eine vereinsamte, fast verlorene Metapher identifiziert, die mir originell schien, und schließlich verbrachten wir im Verlauf zweier Wochen drei einzelne Stunden am Telefon und in parallelem E-Mail-Austausch damit, das Gedicht von dieser Metapher aus zu zergliedern und neu zusammenzufügen. Dabei hatte ich zwar klare Kriterien vor Augen, – niemals aber geht es darum, Lehrstunden zu erteilen! Vielmehr ist es immer das Ziel, zu dem vorzudringen, was der Autor will, das in ihm verborgene Sprachindividuum freizulegen. Am Ende hatten wir das Gedicht in einem intensiven Wortwechsel regelrecht umgeartet. Zwar unterschied sich sein endgültiger Wortlaut nicht radikal von der Anfangsfassung; unser beider Auffassung seiner Worte aber hatte sich und damit das Gedicht wesentlich verändert.